Mittwoch, März 14, 2007

nicht versichert

Am Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig: Treppen, benutzbare Treppen. Doch das Treppenlaufen ist verboten denn die Stufen sind schief.

In der Reihe "symptomatisch." tanzen die Absurditäten des Alltags Polka und ihr singt die Melodie dazu. Beispiele möchten gebloggt werden.

Mittwoch, März 07, 2007

Romananfangsammelalbum II

"Cada um de nós é vários, é muitos, é uma prolixidade de si mesmos. Por isso auele que despreza o ambiente não é o mesmo que dele se alegra ou padece. Na vasta colónia do nosso ser há gente de muitas espécies, pensando e sentindo diferentemente.

Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Uebermass an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitlaeufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fuehlen."

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Dienstag, März 06, 2007

Weil lesen nur durch lesen kommt.



Die Buchmesse ist Ende März in Leipfurt. Ein Besuch lohnt sicherlich. Auf eine besondere Veranstaltungen begleitend zur Messe sei hier verwiesen.

Wer jetzt schon ungeduldig wird, der sollte dies unbedingt lesen.

Sonntag, Februar 25, 2007

Romananfangsammelalbum I : Isabella Rossillini und Sylter Fischbuden

Früher habe ich das oft gemacht, bei Hugendubel in der Innenstadt sechs bis acht Bücher genommen und in der roten U-Sofa-Ecke die ersten Seiten aufgeschlagen. Den Anfang gelesen, so zwei oder drei Sätze, dann zufällig in der Mitte ein Teil gelesen und noch irgendwo vor dem Ende ein paar Sätze. Meine Kaufentscheidung berief sich letztlich auf diesen Eindruck. Das war auch richtig so, fand ich damals, denn ein gutes Buch verweist an jeder einzelnen Stelle auf seine Qualität. Oder um es anders zu sagen, ein paar Sätze verraten dir, was du bekommt, wenn du dich für dieses Buch entscheidest. Zumindest erhältst du eine leise Ahnung davon. Heute würde ich dies, nur eingeschränkt gelten lassen. Es gibt Romane, deren Beginn einen mühsam blättern lassen, teilweise geht das 50 Seiten so. Manche werden auch auf Seite 51 nicht besser, aber andere, die fesseln danach umso mehr. Wie auch immer, leugnen lässt sich jedenfalls nicht, dass ein Zusammenhang zwischen dem Anfang eines Romans und dem Rest besteht. Aus welchem anderen Grund findet sich auf vielen Büchern der erste Satz auf dem Buchrücken als Anreiz zum Aufblättern.
Da Briefmarkenalben jeder sammelt und mir gerade langweilig ist, fange ich jetzt an Romananfänge zu sammeln.
Den ersten habe ich schon mal.

"Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke. Fisch-Gosch, das ist eine Fischbude, die deswegen so berühmt ist, weil sie die nördlichste Fischbude Deutschlands ist. Am obersten Zipfel von Sylt steht sie, direkt am Meer, und man denkt, da käme jetzt eine Grenze, aber in Wirklichkeit ist da bloß eine Fischbude."

Der ist von Christian Kracht, Faserland. Nachdem er sein Bier ausgetrunken hat und mit geerbt reichen Beteiligungsverweigerern an Sylter Stränden Scampis mit Knoblauchsoße isst, bis ihm schlecht wird, träumt er morgens um acht im Flieger nach Frankfurt mit Isabella Rossellini* Kinder zu haben und nachts wach zu liegen, um den Kindern beim atmen zu zuhören.

"Und nachts würden wir beide im Bett liegen, die Kinder im Nebenzimmer, und wir würden auf ihr gleichmäßiges Atmen hören, leicht gedämpft, weil die Kinder immer einen Schnupfen haben, wegen dem Wetter, und dann würde ich mit meinen Händen Isas Beine anfassen und ihren Bauch und ihre Nase."
Ich weiß nicht wie diese Dinge zueinander passen, allerdings weiß der Roman das auch nicht und gerade deshalb und wegen dem Anfang ist dies einfach ein guter Roman.


*Isabella Rossellini ist eine italienische Schauspielerin und die Tochter von Ingrid Bergmann, der schwedischen Schauspielerin, die mit Bogart in Casablanca und so. Jedenfalls das ist sie:

Komischerweise schreibt Kracht sie einmal mit zwei ‚ll‘ und zweimal mit einem ‚l‘. Warum, das weiß ich nicht. Geschrieben wird sie auf jeden Fall mit zwei ‚ll‘.

Mittwoch, Februar 21, 2007

Durchsicht nach draußen.

Da sind normalerweise hohe Häuser die in den Himmel ragen. Nun ist der Himmel runter gekommen. Trist und kalt, trüb und zugig. Doch schon ein bisschen unangenehm. Aber Gegenmaßnahmen werden getroffen! Sei es der warme Kaffee im gläsernen Kaufhaus oder der gebuchte Flug nach Lisboa. Neidisch bin ich ja schon, geb ich zu. Eins ist klar: der Bericht dieser Reise wird in Leipfurt sehnsüchtig erwartet. Aber erstmal viel Spaß und guten Flug.

Dienstag, Februar 06, 2007

Der Erfolg kommt.


Nein, das soll kein Lamento geben wie: Ja wo denn? Wo ist er denn der Erfolg? Nein, das wäre viel zu simpel. Es geht um die Frage: Warum steht dieses Auto vor der vernachlässigten Uni Frankfurt im Panorama mit Bibliothek und ehemaligem Bockenheimer Depot? Dieser Kastenwagen so eintönig grau und dann in unauffälliger Platzierung dieser Schriftzug. "Ja, richtig!" Ein visuelles Synonym. Ein Beweis das nichts auf dieser schönen Welt aus Zufall da ist. Okay, der Fahrer kann zufällig diesen Parkplatz gefunden haben, aber etwas hat ihn an diesen Ort geführt. Und wenn es die kroatischen Cevapcici aus der Mensa waren. (Zugegeben dieses Szenario scheint eher unwahrscheinlich.) Zurück zum Synonym. In dieser scheinbaren ChaosUniUmbruchphase, die im Zuge der "Modularisierung"(="Diplom, mein Lieber? Is nich, DU BIST BACHELOR!") die Gänge vor den Sekretariaten zu Schauplätzen dramatischer Szenen verformt, ist Eines sicher: Die Uni bewegt sich wie dieser Kastenwagen, rechts auf dem Standstreifen, kurz vor der nächsten Reifenpanne, dem nächsten Getriebeschaden, weil die Kupplung nicht richtig durchgedrückt wurde. Ehrlich gesagt ist die Uni dieser Kastenwagen. Unauffällig, vernachlässigt und mit einem deplatzierten Schriftzug, der wohl zur "self-fullfilling -proficy" reifen soll.

Sonntag, Januar 28, 2007

Ich öffne die Tür zu einem politischen Raum, nur einen Spalt, es sei erlaubt.

Wahltag ist in Frankfurt. Der sogenannten Bürgerpflicht heißt es nachzukommen. Eine Oberbürgermeisterin, die seit 1995 regiert und ein ehemaliger Sozialdezernent stehen zur Auswahl. Die Zahnarzthelferin gegen den Mann auf dem unterirdischen Plakat mit Hund. (Profil ist oft schwer zu visualisieren.)
Wählen ist auch quälen gerade beim Entscheiden. Erfährt man im Powi-Unterricht, zumindest falls man zugehört hat. Habe ich manchmal auch nicht, da aber schon. Da muss man jetzt durch.
Allerdings -in diesem speziellen Fall- konnte ich den meinungsbildenden Prozess schon einige Tage vorher abschließen. Gebe ich zu, war ein Vorteil. Ich hatte einen -nennen wir es- beruflichen Kontakt mit Beiden. War sozusagen in der Spielkabine anwesend, und erlebte die Kontrahenten transpirierend, konspirierend und lamentierend.
Ich darf hier verraten: es sind Menschen, ja politische Menschen (die Spezis existiert noch, ihr lest richtig!) bei aller Einschränkung: Die machen das zum Broterwerb und nicht nur deswegen. Weil dies aber mit der Zeit in Vergessenheit geraten ist, hat man nun Angst vor den meinungslosen Massen-so muss man sie leider bezeichnen. 'Das Kreuz setzten' ist unpopulär geworden. Das Radio spricht von 18% Beteiligung in FFM-Innenstadt. Da fragt man doch sofort, was wollt ihr denn? Und wehe ihr denkt jetzt an MAOAM. Die Wahrheit ist: Bürgerpflicht ist ein hässliches Wort, aber die Handlungsanweisung dahinter ist basal wichtig.

Samstag, Januar 27, 2007

leise geworden

...im Blogg, währenddessen
in meinem Kopf (wenn sie nicht wieder abhauen):
"Break-Even-Point"
"Status-Attainment-Forschung"
"Zweisprachentheorie"
"Efferveszenz"
"SWOT-Analyse"
um nur einige Höhepunkte zu nennen...

Mittwoch, Januar 17, 2007

Dienstag, Januar 16, 2007

Ein Tag Helligkeit und drei Tage Dunkelheit.


Plus 10 Grad ist es als Stockholm aus der Dämmerung uns begrüßt. Plus 10 Grad und gerade einmal vier Uhr Nachmittags. Der Winter in Stockholm präsentiert sich nicht kalt und weiss, aber dunkel und schwarz wie eine echte Nacht.
Das 'citybackpackers', ein Keller mit vielen Gängen zu pincode-geschützten 6 Bettzimmern, ist mit Australiern überbucht. Auch hier also Menschen, die der Jahreszeit entfliehen: Nicht weil sie dem richtigen Winter auf der Spur sind; eher weil sie sonst gar keinen Winter sehen.

Um es klar zu sagen: die 1400 Kilometer nach Stockholm bringen uns dem Winter kaum näher. Näher kommen wir nur einer Stadt aus vielen Inseln und Seen, vielen Cafés und Museen, vielen Menschen mit Zeit.
Hier ist jetzt nur ein Schwede zu sehen, der hatte dafür allerdings mächtig viel Zeit.

Dienstag, Januar 09, 2007

Von Fuß bis Kopf

Die Ruhe schleicht sich unter die Fußsohlen, setzt sich neben die Hornhaut und verschränkt die Arme. Ihr Kopf ist sein Fuß.

Er trägt Wollsocken und wenn der Kopf mit der Anzahl des Nachdenkens über unwichtige wie wichtige Dinge, über philosophisches und zu höchstem Grade Belangsloses wachsen würde, dann wäre er im Vergleich zu den Köpfen manch Anderer so groß wie der große Zeh im Vergleich zum kleinen.

Keiner hat es bisher ausprobiert. Doch klopft man an die Kopfhaut, diese dünne, sonnenabstinente Schicht die sich über den Schädel spannt, hört man wie die Worte im Inneren hin und herfallen. Ganz hinten, fast schon beim Nacken und dort wo mal Weisheitszähne in das Steinmeer hineinwachsen wollten, befindet sich das aufgetürmte Geröll. Jahrelange Arbeit der Unverarbeitung. Der unterste Stein, das Fundament, wäre schon längst verschrumpelt und klein, wenn er eine Walnuss wäre, doch dank der Pflege erwächst daraus ein unfällbarer Baum, der ab und zu ein paar Kiesel fallen lässt.

Sonntag, Januar 07, 2007

Leipfurt ich wink Dir aus den Wolken.

In ein paar Stunden gehts in den Flieger nach Stockholm. Nur für ein paar Tage. Auch weil es gerade passt. Mal kurz raus. Mal kurz durchatmen. Mal nicht das Handyklingel erwarten. Eingeordnet in das große Ganze, könnte man natürlich auch einen anderen Grund erspinnen und sagen: Wir sind dem Winter auf der Spur. Bisher hat er sich einfach noch nicht getraut und überall hört man die Leute schon über ihn tuscheln. Dabei kann das doch jedem mal passieren: Man hat momentan eben keine Lust, kein Bock aus dem Haus zu gehen, mal liegen bleiben. Nein! der Winter darf das nicht, er wird zu einer bestimmten Zeit erwartet. Vor allem die Leute, die ihn schon sehnsüchtig herbeireden, die so tun als triebe sie die Sorge um sein Ausbleiben wirklich um. Deren Ungeduld gilt es zu befriedigen: Deshalb -altruistisch wie man sich gibt- per Billigflieger in die Stadt der IKEA-Werbefilme, der blonden, hübschen Frauen, des berühmten Alfred Nobel.

So bekommen wir Stockholm wohl nur kurz zu sehen und nur falls wir einen Fensterplatz ergattern, und der Himmel frei ist, und...

Mittwoch, Dezember 20, 2006

Im Nachbarhaus


Eines Tages stand die Kellertür des verlassenen Nachbarhauses einfach offen und uns war, als flüstere hinter ihr eine Stimme: "Pssssst! Kommt rein, traut euch. Es wartet ein Geheimnis auf euch!"
Im selben Moment schrillte in unserem Kopf plötzlich eine Alarmglocke und eine blecherne Megafonstimme sagte: "Halt! Stehenbleiben, Polizei! Sie sind kurz davor, Hausfriedensbruch zu begehen, Sie sind kriminell!"
Doch da war es wieder, das Flüstern hinter der Kellertür. Wir ließen uns von ihm verführen und hinforttragen, geradewegs in das modrige Dunkel des gemauerten engen Ganges hinein.
Das Licht der Taschenlampe war kurz vor dem Erlöschen und warf nur einen schwachen gelblichen Schein auf all das Gerümpel über das wir hinwegstiegen. Hat da nicht eben was geraschelt? Da ist schon die Kellertreppe, schnell rauf ins Tageslicht des Treppenhauses.
Überall bröckelt die Farbe vom Jugendstilgeländer und die 70er Jahre Tapete löst sich.
Das Erdgeschoss war bis auf die großen rosafarbenen Kachelöfen komplett leergeräumt. Doch der erste Stock lockte schon und belohnte uns mit einer alten Badewanne mit Füßen. Im zweiten Stock stießen wir schließlich auf Möbel. Es hätte uns nicht sonderlich überrascht, auf dem Sofa einen alten Mann sitzen zu sehen. Man spürte deutlich eine Art Anwesenheit im Raum, doch da waren nur wir. Zwei Türen der Wohnung im dritten Stock waren verschlossen und wollten ihr Geheimnis nicht preisgeben. In der Wohnung links war die Decke eingestürtzt und das Sofa aus dem vierten hing nun in extremer Schräglage scheinbar schwerelos im Zimmer.
Da, die Leiter die aufs Dach führt, lass uns hochsteigen! Oben ein befreiender Blich über unser Viertel. Schornsteinfegergefühle. Alle Beklemmung die eben noch an uns haftete ist fort, einfach zur Dachluke hinausgeflogen. Jetzt aber nachhause. Eine halbe Stunde später sitzen wir in unserer Küche und schauen durch das Fenster auf unser verlassenes Nachbarhaus. Für einen Moment scheint es, als winke uns jemand durch die vergilbte Fensterscheibe des Wintergartens zu...

Sonntag, Dezember 10, 2006

An der Bushaltestelle bis nach Panama gesehen.



Heute morgen an der Bushaltestelle gestanden und in den nun offenen Himmel über dem ehemaligen Strassenbahndepot in Bornheim gestarrt. Plötzlich den Geruch von Salz und Meerluft in der Nase gehabt und sofort an einen Strand am Atlantik in der Nähe von Lissabon gedacht. Gehört wie der Wind die rote Fahne gegen die Metallstange schlägt. Gespürt wie der Sand unter den Füßen immer feuchter wird, weil die Wellen bis an das Strandtuch fließen.
Wahrgenommen, wie der Freund sagt: "Komm, lass uns jetzt raus und bis nach Panama schwimmen." Gelacht. Getaucht und dann kräftig geschwommen, die rote Fahne als Orientierung im Augenwinkel. Ganz schnell auf der Höhe der Surfer gewesen, die Blicke richtig interpretiert. Zurück geschaut und als Erster wieder umgedreht. Mehrere Panikattacken auf dem Weg zurück gehabt und heilfroh gewesen als der Sand wieder greifbar war. Zum Freund gesagt: "Panama ist bestimmt wunderbar."

Freitag, Dezember 01, 2006

Da, wo man Victor Jara liest und unweigerlich an Freundeskreis denkt.




Da, Leipzig, Ortsteil Lindenau, Gemarkung Plagwitz, wie es so schön heißt. 26.11.06, genau 21.24Uhr.

"Oh wie schön ist Panama!"


Ich schließe mich der Reihe "Bilder unserer Heimatstadt" an.
(Wildpark Leipzig, 27.11.2006)

Mittwoch, November 29, 2006

Aufforderung Dazubleiben


Leipzig / Lindenauer Markt, 11 / 2006

Montag, November 13, 2006

Laurenz

Als meine Füße klein waren und die Beine kurz, so kurz dass ich Gullideckel nur mühsam überspringen konnte, wohnte ich mit meinen Eltern und meinen Geschwistern in einem Haus zwischen zwei Straßen. Das Haus war eigentlich ein halbes und im unteren Teil des halben Hauses, über dem Keller, war noch eine Wohnung - in der roch es nicht so wie Zuhause. Zwischen dem kleinen Hof voller schiefer Platten und der vielbefahrenen Straße war ein blau-braunes Tor, das alle zwei Jahre neu gestrichen wurde. Es ließ sich nur schwer öffnen, denn der silberne Knopf war rutschig und zu weit entfernt für die kurzen Arme der Kinder, die den Hof bewohnten. Die Straße, die nach links abging, hatte, so wie alle Straßen in der Gegend, einen Namen der sich an ihrer geographischen Lage orientierte. Sie hieß Hintergasse, war auch mehr eine Gasse als eine Straße, an dessen Anfang ein blaues Schild mit spielenden Kindern und einem Ball drauf, aufgestellt war. Die Straße, zu der unser Haus noch zählte hieß Hofhausstrasse und als wir uns das erste Mal Gedanken über den Namen machten, kamen wir uns vor wie die schlausten Detektive, weil wir nur Kraft unserer Köpfe und des Wissens um die Höfe dieser Straße, herausbekamen warum sie so hieß. Zwei Straßen weiter wohnte Laurenz. Ein rothaariger Junge den niemand so richtig mochte. Anna und ich hatten eigentlich nicht so richtig etwas gegen Laurenz, wir fanden es toll, dass er uns mit seinem Namen einen Anlass zum Kichern gab. Mittwochs stellten wir vor die Briefkästen unseres Hauses und warteten darauf, dass wir die Straße überqueren könnten. Wenn wir genügend Geduld aufbrachten, hielt irgendwann ein Autofahrer an und ließ uns hinüber. Dann bestiegen wir den Berg, der uns mühevoll zu erklimmen und steil erschien, kamen am Friedhof und der Kirche mit dem grünen Dach vorbei und gingen ins Gemeindehaus zu der Mädchengruppe, bei der wir Lieder sangen zu denen wir Hände und Arme bewegten. Am liebsten sangen wir das „Laurenzia“-Lied denn immer wenn alle anderen „Laurenzia“ sangen und in die Knie gingen, formten wir mit unseren Strichlippen in quietschigen Stimmen „Laurenz“ und dachten an den komischen Jungen mit den roten Haaren, den niemand so richtig mochte, obwohl nach ihm ein Lied benannt war.

Die Mottoparty ist voller Menschen die nicht verkleidet sind. Das ist das unausweichliche Schicksal von Motto- und Verkleidungspartys: die Umsetzung scheitert meist daran, dass die Verkleideten sich lächerlich vorkommen weil nicht alle verkleidet sind und dass die Unverkleideten ein schlechtes Gewissen haben weil sie sich nicht getraut haben oder keine Lust hatten sich zu verkleiden. Ich bin verkleidet, nicht bis zur Unkenntlichkeit und zum Glück hatte ich nicht genug Mut zur Hässlichkeit bei der Verkleidungsaktion im Vorhinein. Manchmal, so denke ich mir, ist es ganz gut hunderte Kilometer weit entfernt zu wohnen, von der Stadt in der man auf jeder Party, an jedem Ort jemanden trifft den man kennt und womöglich nicht wieder sehen will, entweder nach dem Abend oder schon zuvor. Tatsächlich, ich kenne kaum jemanden in den fünf Zimmern dieser WG die voller rauchender, trinkender Menschen sind, die es sich in den etlichen Polstermöbeln bequem gemacht haben. Die Party scheint noch nicht sonderlich fortgeschritten, alle sitzen in kleinen Gruppen zusammen und reden über Themen bei denen die anderen nicht mitreden können. Im Wohnzimmer steht ein Klavier mit heller Holzverkleidung, an dem im Halbstunden-Takt zu der Musik aus den Lautsprechern irgendjemand meist ungekonnt etwas spielt. Der Mann mit dem gestreiften Hemd unter dem T-Shirt scheint das Klavier nicht verlassen zu wollen, er lehnt sich an, er setzt sich auf den Deckel oder auf die Tasten und ab und zu spielt er etwas. Eine Bewohnerin der WG sagt kurz: „Der spielt richtig gut“ und geht weiter. Wir stellen uns dazu und hören hin, auch wenn die schlechte Hip-Hop-Musik im Hintergrund dieses Vorhaben erschwert. Irgendwie ist er nervös oder es sind seine Augen die unsicher wirken, mir gleichzeitig bekannt vorkommen, die dazu führen, dass der Mann am Klavier sonderbar wirkt, gleich auffällt, in seiner eigenen Welt vertieft ist. Er klappt das Klavier zu, lehnt sich an, streckt seine Beine entspannt von sich und dreht sich eine Zigarette aus teurem Ökotabak. Wir machen das, was man auf Partys immer macht. Über die Stadt reden in der man ist, über Musik oder das Studium. „Studierst du Klavier?“, „na, so halb“. Wir stellen uns mit falschen Namen vor, das gehört zu unserem Motto. „Ich heiß Laurenz“, sagt er und bemerkt zum Glück nicht, wie ich Kraft meines Kopfes die Geschichte zusammensetze, die Melodie von „Laurenzia“ in meine Ohren drängt und ich kurz in die Knie gehe.

Sonntag, November 12, 2006

Klar.

Die Anweisung scheint klar. Es ist wieder Zeit fürs Eislaufen. Wieder? Wann war man denn das letzte Mal? Lange scheint es her. Deshalb, gut das man erinnert wird. Gut wäre dies auch für andere Dinge, an die man eigentlich denken sollte. Anweisungen wie die "Rechnung jetzt zahlen", "Weihnachtsgeschenke jetzt kaufen!", "Entschuldigung, jetzt sagen!", danach sehnt man sich doch, in dieser bisweilen zutiefst verwirrenden Welt. Eine klare Anweisung und man wäre schon etliche Schritte weiter. Ab und zu kann man sich dies doch wenigstens mal wünschen.

Samstag, Oktober 28, 2006

Wieder da.

Die Freundschaft wieder beleben, weil sie sich verabschiedet hat.
So wie es passiert, wenn zwei Menschen unterschiedliche Wege gehen. Keiner der beiden wollte es, doch dann sagt vielleicht einer die Verabredung ab und später klappt es an den anderen Abend auch nicht mehr. Die SMSen werden immer weniger, das Interesse am Anderen verschwindet merklich. Besonders die schweigenden Momente, die in jedem Gespräch da sind, werden nicht nicht mehr so locker überredet.
Es folgt die unverabredete Stille, länger als gewollt.
Doch an diesem Dienstagabend ist das alles vergessen. Irgendwie. Die Umarmung herzlich, ihr Lächeln bemüht interessiert. Der Bus bringt uns zum Hessendenkmal. Wir laufen den Cityring entlang, vorbei am Chinesischen Garten, hoch in die Berger.
Im Toffies sind zwei Stühle frei.
Wir reden über Selbstverwirklichung, Formen des Arbeitens, die nahe Zukunft. Unsere nicht vorhandene Nähe ist erstmal kein Thema. Sie dreht die Zigaretten jetzt selber. Geld sparen ist wichtiger als früher. Es fühlt sich alles fast an wie damals, ist aber anders. Die Cocktails lassen einen leichter damit umgehen. Am Ende des zweiten Caipirinha ist die Stimmung gut, Fotos werden gemacht, die Erinnerung verbildlicht.
Der Abend endet, dann doch, mit einem Gespräch über die Ferne, die sich eingeschlichen hat, in der Freundschaft. Man ist erschreckt, über die Fremdwahrnehmung des Anderen und die eigene, eingeschränkte Sicht der Dinge. Verletzungen fühlen sich, meistens nur auf der einen Seite, auch als solche an. Bei der Verabschiedung sind beide erleichtert, nicht nur irgendwie.